Impressionen aus den 1970ern







Die 1970er waren ein Jahrzehnt, in dem Geschenke auffällig oft ins Wohnzimmer, in die Küche, an die Zimmerpflanze oder auf den Schreibtisch führten. Ein Fondue-Set versprach Geselligkeit ohne steife Tischordnung. Eine Musikkassette machte Popmusik beweglicher und persönlicher. Makramee brachte Handarbeit, Pflanzen und Hippie-Ästhetik in die Wohnung. Der Taschenrechner zeigte, wie Mikroelektronik aus Laboren und Büros in den Alltag wanderte. Und der Heimwerker-Boom verwandelte Werkzeug in ein Geschenk, das nicht nur nützlich war, sondern auch ein neues Selbstbild ausdrückte: Man richtete sich ein, baute um, machte es selbst. Der Schwerpunkt dieses Artikels liegt auf der Bundesrepublik, denn viele belastbare Quellen zur Konsum- und Alltagskultur der 1970er beziehen sich auf Westdeutschland.
Zwischen Ölkrise und neuer Wohnlichkeit
Wer die Geschenke der 1970er verstehen will, muss die Stimmung dieses Jahrzehnts mitdenken. Die frühen Jahre standen noch im Nachhall des Wirtschaftswunders, doch spätestens die Ölkrise von 1973 veränderte das Gefühl für Wohlstand. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt, dass der Erdölschock im Oktober 1973 Energiesparmaßnahmen auslöste, die Inflation 1973 bei rund sieben Prozent lag und 1975 die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik auf über eine Million Menschen stieg. Das war kein Ende des Konsums, aber ein Bruch in seiner Selbstverständlichkeit. (bpb.de)
Dazu kam ein wachsendes Bewusstsein für die Folgen des Konsums. Die Verbraucherzentrale Hamburg ordnet die 1970er als Zeit ein, in der Verbraucherfragen politischer wurden: Inflation, Arbeitslosigkeit, Umweltprobleme und Kritik an ungleichen Vertragsbedingungen prägten die Debatten; 1977 trat in der Bundesrepublik das Gesetz zur Regelung des Rechts der Allgemeinen Geschäftsbedingungen in Kraft. Geschenke mussten in diesem Klima nicht zwangsläufig billig sein, aber sie wirkten überzeugender, wenn sie einen Nutzen, eine Haltung oder eine gemeinsame Erfahrung versprachen. (vzhh.de)
So erklärt sich, warum typische Geschenke dieser Jahre häufig zwischen Pragmatismus und Lebensstil lagen. Ein Fondue-Set war kein bloßes Küchengerät, sondern ein Signal für zwangloses Zusammensein. Eine Bohrmaschine war nicht nur Werkzeug, sondern Teil einer neuen Heimwerkerkultur. Eine Kassette war preiswerter und flexibler als viele Schallplatten und erlaubte es, Musik persönlicher zusammenzustellen. Das Jahrzehnt schenkte weniger repräsentative Pracht als gestaltbare Alltagswelten.
Fondue-Sets: Alle an einem Topf
Das Fondue gehört zu den stärksten Symbolen der 1970er-Geselligkeit. Die taz beschrieb das Fondue rückblickend als Ausdruck einer Zeit, in der die Protestgeneration anders leben, feiern und essen wollte: unkomplizierter, gemeinschaftlicher, weniger hierarchisch. In den 1970ern wurde Fondue populär, weil es Essen und Gespräch an einem Tisch verband, ohne dass eine Person ständig zwischen Küche und Gästen verschwinden musste. (taz.de)
Als Geschenk war ein Fondue-Set daher besonders passend. Es bestand typischerweise aus Topf, Rechaud, Brenner und Gabeln; je nach Variante ging es um Käsefondue, Fleischfondue oder später auch süßere Formen. Der Reiz lag nicht nur im Gericht, sondern im Ablauf: Alle griffen in denselben Topf, warteten, probierten, kombinierten. Das war eine kleine Choreografie der Gemeinschaft.
Kulturell betrachtet passte das Fondue zu einem Jahrzehnt, in dem das Private politischer und zugleich experimenteller wurde. Wohngemeinschaften, neue Rollenbilder, informellere Einladungen und der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung fanden auch in Esskulturen ihren Ausdruck. Das Fondue-Set war damit ein Geschenk, das die Küche ins Zentrum sozialer Beziehungen rückte. Es war praktisch, aber nicht nüchtern; modern, aber nicht hochtechnisch; gesellig, ohne großen Aufwand zu verlangen.
Makramee: Handarbeit zwischen Hippie-Kultur und Wohnzimmer
Makramee war in den 1970ern weit mehr als ein Basteltrend. Die Knotentechnik verbreitete sich in den 1960er- und 1970er-Jahren stark und wurde zu einem sichtbaren Teil der Hippie-Kultur. Typisch waren Blumenampeln, Wandbehänge, Eulenmotive, Gürtel, Westen, Schultertaschen und Schmuck; häufig wurde Jute verwendet. (de.wikipedia.org)
Als Geschenk konnte Makramee in zwei Richtungen funktionieren. Einerseits wurden fertige Wandbehänge, Pflanzenhalter oder Taschen verschenkt. Andererseits waren Materialsets, Knüpfanleitungen, Jutegarn, Holzperlen und Ringe Geschenke für Menschen, die selbst gestalten wollten. Gerade darin lag der kulturelle Kern: Das Geschenk war nicht nur Objekt, sondern Einladung zur Tätigkeit.
Makramee verrät viel über Wohnkultur der 1970er. Die Wohnung wurde nicht mehr nur eingerichtet, sondern inszeniert als persönlicher Raum. Zimmerpflanzen, Naturmaterialien, warme Texturen und handgemachte Objekte standen für Individualität in einer Konsumgesellschaft, die zugleich immer stärker standardisierte Produkte hervorbrachte. Das Handgemachte war dabei nicht unbedingt ein Ausstieg aus dem Konsum, sondern oft seine Ergänzung: Man kaufte Material, Zeitschriften, Anleitungen und machte daraus etwas Eigenes.
Bis heute erklärt das die Wiederkehr solcher Geschenke. Wenn Makramee in modernen Wohnungen wieder auftaucht, dann nicht nur aus Nostalgie. Es erfüllt denselben Wunsch wie in den 1970ern: ein persönliches, sichtbares, haptisches Gegengewicht zu glatten Industrieprodukten.
Disco, Schallplatten und Kassetten: Musik wird beweglicher
Disco war in den 1970ern Sound, Mode und Körpergefühl zugleich. Im deutschsprachigen Alltag standen dafür nicht nur Clubs, sondern auch Fernsehsendungen, Plattenläden und Jugendzimmer. Die ZDF-Sendung „disco“ lief von 1971 bis 1982, wurde von Ilja Richter moderiert und brachte Popmusik regelmäßig ins Fernsehen; zu den ausgelobten Preisen gehörten unter anderem signierte Schallplatten, Radios und Plattenspieler. Das zeigt gut, welche Musikobjekte als begehrenswert galten. (de.wikipedia.org)
Ein weltweiter Bezugspunkt war „Saturday Night Fever“. Der Film erschien 1977, und der Soundtrack wurde zu einem der erfolgreichsten Alben der Popgeschichte. Universal Music beziffert die Verkäufe des Soundtracks auf mehr als 40 Millionen Exemplare; das Album stand in den USA 24 Wochen auf Platz eins und gewann den Grammy als Album des Jahres. Solche Zahlen zeigen, warum Schallplatten in den 1970ern zu naheliegenden Geschenken gehörten: Sie waren erschwingliche Kulturträger, modisch, persönlich und sofort nutzbar. (universalmusic.ca)
Parallel veränderte die Compact Cassette das Schenken von Musik. Philips hatte den ersten Recorder für Compact Cassetten, den EL 3300, 1963 auf der Internationalen Funkausstellung vorgestellt; in den 1970ern setzte sich die Kassette wegen ihrer Robustheit, ihres Preises und ihrer einfachen Handhabung stark durch. Jugendliche konnten Hits aus dem Radio aufnehmen, Kassetten weitergeben und Musik anders ordnen als auf der Langspielplatte. (onlinesammlung.museumsstiftung.de)
Damit wurden leere Kassetten, Kassettenboxen, tragbare Recorder und später tragbare Abspielgeräte zu typischen Technikgeschenken. Die Kassette machte Musik persönlicher. Eine Schallplatte war ein Werk, eine Kassette konnte Auswahl, Reihenfolge und Beziehung ausdrücken. Der Sony Walkman von 1979 war dann bereits der Vorbote der 1980er: Musik wurde nicht nur transportabel, sondern körpernah und privat. (de.wikipedia.org)
Taschenrechner: Wenn Mikroelektronik zum Geschenk wird
Kaum ein Geschenk zeigte den technischen Wandel der 1970er so klar wie der Taschenrechner. Die Deutsche Digitale Bibliothek nennt 1970 als Jahr, in dem Sanyo, Sharp und Canon die ersten elektronischen, batteriebetriebenen Taschenrechner herausbrachten. Texas Instruments hatte bereits 1967 den Prototyp „Cal Tech“ entwickelt und brachte 1972 einen eigenen Rechner auf den Markt. (deutsche-digitale-bibliothek.de)
Besonders berühmt wurde der HP-35 von Hewlett-Packard. Er erschien 1972, gilt als erster wissenschaftlicher Taschenrechner und kostete bei der Einführung 395 US-Dollar. HP gibt an, dass in den ersten drei Jahren mehr als 300.000 Exemplare verkauft wurden. Für Ingenieure, Naturwissenschaftler und Studierende war das Gerät ein Einschnitt, weil komplexe Berechnungen ohne Rechenschieber möglich wurden. (hp.com)
Als Geschenk waren Taschenrechner zunächst nicht banal. Frühe Modelle waren teuer und wirkten fast futuristisch. Später wurden einfache Rechenmodelle breiter verfügbar und wanderten in Schule, Büro und Haushalt. Ein Taschenrechner konnte ein Geschenk zum Schulabschluss sein, für Ausbildung, Studium, kaufmännische Arbeit oder technische Berufe. Er stand für eine Gesellschaft, in der Zahlen, Planung und Effizienz wichtiger wurden.
Kulturell ist der Taschenrechner deshalb spannend: Er machte abstrakte Modernisierung greifbar. Mikroelektronik war nicht mehr nur etwas für Raumfahrt, Großcomputer oder Forschungslabore. Sie lag auf dem Schreibtisch, passte in eine Tasche und versprach, Denk- und Arbeitsprozesse zu beschleunigen. Genau darin lag seine Geschenkqualität. Man schenkte nicht nur ein Gerät, sondern Zugang zu einer neuen Arbeitsweise.
Heimwerken: Werkzeug als Versprechen von Selbstbestimmung
Die 1970er waren auch das Jahrzehnt des Heimwerkens. OBI eröffnete am 5. November 1970 in Hamburg-Poppenbüttel seinen ersten Baumarkt in Deutschland: 870 Quadratmeter, „zwölf Fachgeschäfte unter einem Dach“, als Markt für den Heimwerker mit breitem Sortiment. Der Name OBI leitete sich dabei vom französisch ausgesprochenen Wort „Hobby“ ab. (obi.de)
Der Trend hatte tiefere soziale Wurzeln. Der Historiker Jonathan Voges hat die westdeutsche Heimwerkerkultur untersucht; in einem Fachbeitrag wird seine These zusammengefasst, dass die Heimwerkerwelle in der Bundesrepublik in den 1970er-Jahren einen Höhepunkt erreichte. Dabei ging es nicht nur um Reparaturen, sondern auch um Konsum, Rollenbilder, Freizeit, Fachhandel und das Verhältnis zwischen Amateuren und Profis. (diyonline.de)
Als Geschenke passten Bohrmaschinen, Werkzeugkoffer, Schraubendreher-Sets, Stichsägen, Tapeziertische, Farbroller oder Werkbänke in diese Welt. Sie waren praktische Dinge, aber sie transportierten auch ein Ideal: die eigene Wohnung nicht nur zu bewohnen, sondern aktiv zu verändern. In den 1970ern wurde das Zuhause zur Baustelle im positiven Sinn, zum Ort der Verbesserung und Selbstdarstellung.
Dieser Heimwerker-Boom war nicht frei von Geschlechterrollen. Viele Werkzeuggeschenke richteten sich an Männer, während Handarbeits- und Wohnaccessoire-Geschenke stärker weiblich codiert waren. Gerade deshalb erzählen sie viel über die Zeit. Geschenke bilden soziale Erwartungen ab: Wer was bekam, verriet häufig, welche Aufgaben und Möglichkeiten einer Person zugeschrieben wurden.
Spielzeug im Zeichen von Fantasie und Materialbewusstsein
Auch Kinderzimmer spiegelten die 1970er. Ein besonders wichtiges Beispiel ist Playmobil. Die ersten Figuren wurden am 2. Februar 1974 auf der Nürnberger Spielwarenmesse vorgestellt. Entwickelt wurden sie von Hans Beck für Geobra Brandstätter; ihre geringe Größe war auch eine Antwort auf steigende Kunststoffpreise während der Ölkrise. Die Figuren waren rund 7,5 Zentimeter groß, beweglich und auf offene Spielsituationen angelegt. (br.de)
Playmobil war als Geschenk deshalb so wirkungsvoll, weil es nicht nur ein einzelnes Spielzeug war, sondern ein System. Ritter, Bauarbeiter, Indianerfiguren, Fahrzeuge oder Häuser konnten ergänzt werden. Das passte zu einer Konsumkultur, die zunehmend auf Serien, Erweiterungen und Themenwelten setzte. Kinder erhielten nicht nur ein abgeschlossenes Objekt, sondern einen Anfang, der beim nächsten Geburtstag oder Weihnachtsfest fortgesetzt werden konnte.
Ähnlich interessant ist LEGO Technic. Die Produktlinie wurde 1977 eingeführt, zunächst unter der Bezeichnung „Expert Builder“, und brachte Zahnräder, Achsen, Stifte und realistischere technische Funktionen in das LEGO-System. (de.wikipedia.org) Auch hier zeigt sich ein Zeitmotiv: Spielzeug sollte nicht nur beschäftigen, sondern Technik verständlich und beherrschbar machen. Zwischen Taschenrechner, Heimwerken und Konstruktionsspielzeug entstand ein roter Faden: Die Welt wurde technischer, und Geschenke halfen, diese Technik im Kleinen anzueignen.
Was von den 1970ern geblieben ist
Viele typische Geschenke der 1970er wirken heute vertraut, obwohl ihre Formen sich verändert haben. Das Fondue-Set lebt in Raclette, Tischgrill und gemeinschaftlichen Kochabenden weiter. Die Musikkassette ist technisch überholt, aber ihre Idee überlebt in Playlists: Musik als persönliche Auswahl. Makramee und andere Handarbeiten sind wieder da, weil Handgemachtes in digitalen Zeiten erneut Wert gewinnt. Der Taschenrechner steckt heute im Smartphone, aber die Faszination für kleine, leistungsfähige Technik ist ungebrochen. Heimwerken hat sich vom Kellerhobby zur breiten DIY-Kultur erweitert.
Die 1970er zeigen damit besonders deutlich, dass Geschenke nie nur Dinge sind. Sie verdichten Wünsche, Sorgen und Zukunftsbilder. In diesem Jahrzehnt bedeutete Schenken oft: den Alltag selbst gestalten, Krisen mit Pragmatismus begegnen, Gemeinschaft neu organisieren und Technik in den privaten Raum holen. Genau deshalb sind Fondue-Sets, Kassetten, Makramee, Taschenrechner und Werkzeug mehr als nostalgische Objekte. Sie erzählen von einer Gesellschaft, die nach dem Boom der Nachkriegsjahrzehnte neu lernte, was Wohlstand, Nähe und Modernität bedeuten konnten.
Quellen
- Bundeszentrale für politische Bildung: „Wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik“, 2002. Genutzt für Ölkrise, Inflation, Rezession und Arbeitslosigkeit in den 1970er-Jahren. bpb.de
- Verbraucherzentrale Hamburg: „Die Siebziger: Aufbruch und kritischer Konsum“. Genutzt für Verbraucherpolitik, Krisenwahrnehmung und kritischen Konsum in den 1970er-Jahren. vzhh.de
- taz / Till Ehrlich: „Das Fondue – ein Symbol der 1970er: Alle aus einem Topf“, 2012. Genutzt für die kulturelle Einordnung des Fondue-Booms. taz.de
- Wikipedia: „Makramee“. Genutzt für unstrittige Angaben zur Verbreitung, typischen Objekten und Materialien der Makramee-Kultur. de.wikipedia.org
- ZDF/Wikipedia: „disco (Fernsehsendung)“. Genutzt für Laufzeit, Format und Musikobjekte als begehrte Preise. de.wikipedia.org
- Universal Music Canada: „The Saturday Night Fever Original Movie Soundtrack 40th Anniversary“, 2017. Genutzt für Verkaufszahlen und Chart-Erfolg des Soundtracks. universalmusic.ca
- Museumsstiftung Post und Telekom: „Kassettenrekorder für Compact Cassetten Philips EL3300“. Genutzt für Einführung der Compact Cassette und ihre Verbreitung in den 1970er-Jahren. onlinesammlung.museumsstiftung.de
- Deutsche Digitale Bibliothek / Heinz Nixdorf MuseumsForum: „Erste Taschenrechner“. Genutzt für frühe elektronische Taschenrechner ab 1970. deutsche-digitale-bibliothek.de
- HP Virtual Museum: „HP-35 Scientific Calculator“. Genutzt für Einführung, Preis und Verkaufszahlen des HP-35. hp.com
- OBI Unternehmensgeschichte: „1970 – Der erste OBI Markt“. Genutzt für die Eröffnung des ersten OBI-Baumarkts in Hamburg-Poppenbüttel. obi.de
- diy online: „Zwischen Baumarkt und Bohrmaschine – Zur Historie des Heimwerkens in der Bundesrepublik“, 2016. Genutzt für die Einordnung der Heimwerkerwelle in den 1970er-Jahren. diyonline.de
- Bayerischer Rundfunk: „Playmobil erstmals auf der Spielwarenmesse“, Kalenderblatt. Genutzt für Markteinführung und Kontext der Ölkrise. br.de
- Wikipedia: „Lego Technic“. Genutzt für die Einführung von LEGO Technic 1977. de.wikipedia.org
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Teil der Reihe Die Geschichte des Schenkens: eine Zeitreise.
