Schenken in den 1960ern: Beat, Barbie & TV

Impressionen aus den 1960ern

Das größte Geschenk der 1960er lag oft nicht unter dem Baum, sondern stand daneben: ein Fernsehgerät, noch schwer, teuer und zunächst schwarz-weiß. In der Bundesrepublik wurde das Fernsehen in diesem Jahrzehnt vom technischen Luxus zum Massenmedium. 1965 zählte man bereits 11,4 Millionen Fernsehgeräte, 1967 begann das Farbfernsehen, und mit dem ZDF war seit 1963 ein zweites bundesweites Programm hinzugekommen. (Haus der Geschichte / LeMO) Doch die Geschichte des Schenkens in den 1960ern handelt nicht nur vom Wohnzimmer. Sie handelt von Schallplatten und Plattenspielern, von Kofferradios, Barbie, Carrera-Bahnen, Modellzügen, Beat-Postern, bunten Stoffen und einem neuen Gefühl: Konsum war nicht mehr nur Versorgung. Er wurde Ausdruck von Zugehörigkeit, Geschmack und Generation.

Wohlstand wird einpackbar

In den 1960er Jahren veränderte sich die westdeutsche Geschenkekultur, weil sich der Alltag veränderte. Der durchschnittliche Arbeitnehmerhaushalt konnte in einem bis dahin ungekannten Umfang an der Wohlstandsgesellschaft teilhaben; laut bpb stiegen die Nettoeinkommen in der Dekade um etwa 50 Prozent. Gleichzeitig verbreiteten sich Konsumgüter, die zuvor als Luxus gegolten hatten, deutlich schneller. (bpb: Vor der Revolte: Die Sechziger Jahre) Die Verbraucherzentrale Hamburg beschreibt die 1960er entsprechend als Jahre von „Umbruch und Konsumlust“: Südfrüchte und Bohnenkaffee wurden alltäglicher, 1967 fuhren bereits zehn Millionen Pkw durch Deutschland. (Verbraucherzentrale Hamburg)

Das veränderte auch die Logik des Schenkens. In den Nachkriegsjahren hatten Geschenke oft einen stark praktischen Charakter: Kleidung, Haushaltsgegenstände, Dinge, die fehlten. In den 1960ern blieb das Nützliche wichtig, aber es wurde von Wunschobjekten überlagert. Geschenke sollten nicht nur helfen, sondern zeigen: Wir nehmen teil an der neuen Zeit. Ein Kofferradio bedeutete Mobilität, eine Schallplatte Jugendkultur, ein Fernsehgerät Anschluss an die gemeinsame Bilderwelt der Bundesrepublik. Schenken wurde damit stärker als zuvor zu einer kleinen Kulturdiagnose.

Das große Familiengeschenk: Fernsehen zieht ein

Der Fernseher war selten ein Geschenk für eine einzelne Person. Er war ein Geschenk an den Haushalt. Genau darin lag seine Bedeutung. Er verwandelte das Wohnzimmer in einen Medienraum, machte aus Nachrichten, Shows, Krimis und Sport gemeinsame Ereignisse und lieferte Gesprächsstoff für den nächsten Tag. Die Zahlen zeigen, wie rasant diese Entwicklung war: 1961 gab es rund vier Millionen Fernsehhaushalte, 1970 schon über 15 Millionen. (bpb: Vor der Revolte: Die Sechziger Jahre)

Billig war diese neue Normalität nicht. Ein tragbares Neckermann-Fernsehgerät mit 23-cm-Bildschirm wurde 1965 für 599 DM angeboten; das Wirtschaftswundermuseum vermerkt dazu, dass das durchschnittliche Brutto-Monatseinkommen eines westdeutschen Arbeitnehmers damals bei rund 396 DM lag. (Wirtschaftswundermuseum: Konsum 1965) Ein Fernseher war also keine beiläufige Aufmerksamkeit, sondern eine geplante Anschaffung — oft eher Weihnachtswunsch, Familienprojekt oder Ratenkauf als spontane Überraschung.

Gerade deshalb war er ein so starkes Geschenkobjekt der Zeit. Er verkörperte technischen Fortschritt, sozialen Aufstieg und das Versprechen, nicht mehr außen vor zu sein. Wer Fernsehen schenkte oder gemeinsam anschaffte, schenkte nicht nur ein Gerät, sondern Zugang: zu Unterhaltung, Politik, Weltbildern und Werbung. Die 1960er machten sichtbar, dass Geschenke zunehmend Medienzugänge wurden — ein Muster, das bis zu heutigen Smartphones, Streaming-Abos und Spielekonsolen nachwirkt.

Schallplatten, Plattenspieler und das eigene Zimmer

Wenn der Fernseher das Familiengeschenk war, gehörte die Schallplatte stärker der Jugend. In einem bpb-Beitrag über die Zeit vor 1968 ist der Plattenspieler sogar ausdrücklich als „Objekt der Begierde“ der 1960er bezeichnet. (bpb: Vor der Revolte: Die Sechziger Jahre) Das trifft den Kern: Musik wurde zum Geschenk, weil Musik Identität stiftete. Eine Single war erschwinglicher als ein großes technisches Gerät, aber kulturell aufgeladen. Sie brachte eine Stimme, einen Rhythmus, ein Stück Welt ins Kinder- oder Jugendzimmer.

Die offiziellen deutschen Jahrescharts zeigen den Wandel. 1964 stand „I Want To Hold Your Hand“ von den Beatles auf Platz 4 der Single-Jahrescharts; 1965 tauchten neben den Beatles auch die Rolling Stones und The Byrds in den deutschen Jahrescharts auf. (Offizielle Deutsche Charts: Single-Jahrescharts 1964, Offizielle Deutsche Charts: Single-Jahrescharts 1965) Das bedeutete nicht, dass Schlager verschwand. Gerade die Charts der Mitte der 1960er zeigen das Nebeneinander: internationale Beat- und Popmusik, deutsche Schlager, italienische und französische Titel. Aber für Jugendliche wurde die Schallplatte zu einem besonders persönlichen Geschenk, weil sie nicht nur Klang transportierte, sondern Haltung.

Dazu passten Koffer- und Transistorradios. Versand- und Warenhauskataloge der Zeit zeigen tragbare Radios, Plattenspieler und Musikschränke als begehrenswerte Konsumobjekte. Das Wirtschaftswundermuseum dokumentiert etwa 1965 einen Neckermann-Transistor mit „Luxemburg“-Fixtaste sowie Philips-Plattenspieler und Stereo-Heimgeräte. (Wirtschaftswundermuseum: Konsum 1965) Ein Radio zu verschenken hieß: Musik muss nicht mehr nur im Wohnzimmer stattfinden. Sie konnte mitgenommen werden.

Beat-Kultur: Geschenke als Zugehörigkeit

Beat war in den 1960ern mehr als Musik. Die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar beschreibt Beatmusik als einen Stil, der von 1960 bis Anfang der 1970er Jahre gebräuchlich war und sich aus britischem Rock’n’Roll, Blues und Skiffle entwickelte; wichtige frühe Vertreter waren unter anderem The Beatles, The Kinks, The Who und The Rolling Stones. (Musikgeschichte Online / HfM Weimar: Beatmusik) In der Bundesrepublik wurde Beat zu einem jugendkulturellen Code: lange Haare, neue Tänze, andere Kleidung, Poster, Zeitschriften, Platten.

Der bpb-Beitrag „Swinging Sixties“ beschreibt, dass Beatmusik, Gammler, Provos und Hippies in den 1960ern die Jugendkultur prägten und Jugendliche sich zunehmend den Vorschriften der Elterngeneration entzogen. (bpb: Swinging Sixties) Besonders aufschlussreich ist der kommerzielle Teil: Bereits Mitte der 1960er gab es Beatles-Merchandising in großer Breite — von Kleidung über Luftballons bis zu Broschen, Ringen und Perücken. (bpb: Swinging Sixties) Damit wurde Zugehörigkeit käuflich und schenkbar.

Ein Beatles-Poster war kein neutraler Wandschmuck. Ein Beat-Heft, eine Single, eine Gitarre oder ein modisches Hemd konnten im Familiengefüge kleine Reibungen auslösen, gerade weil sie für eine neue kulturelle Selbstständigkeit standen. Das Geschenk wurde zum Signal: Ich sehe deinen Geschmack. Ich akzeptiere, zumindest für diesen Moment, deine Welt. In dieser Hinsicht sind die 1960er ein Schlüsseljahrzehnt moderner Geschenkekultur: Geschenke wurden stärker individualisiert, generationeller und emotional codierter.

Barbie, Lilli und das neue Kinderzimmer

Auch im Kinderzimmer veränderte sich viel. Barbie ist dafür ein besonders aufschlussreiches Beispiel, gerade in Deutschland. Die Puppe debütierte im März 1959 auf der Spielwarenmesse in New York. Ihre Vorgeschichte führt jedoch nach Deutschland: Das Spielzeugmuseum Nürnberg beschreibt die Bild-Lilli als deutsche Kunststoffpuppe, die ab 1955 nach Entwürfen von Max Weißbrodt hergestellt wurde. Ruth Handler von Mattel entdeckte diese Puppe in Europa; Anfang 1964 erwarb Mattel die Rechte an Lilli, was den Vertrieb Barbies in Europa ermöglichte. (Spielzeugmuseum Nürnberg: Bild-Lilli)

Als Geschenk war Barbie anders als die klassische Babypuppe. Sie stellte kein Kleinkind dar, sondern eine erwachsene Modefigur mit Kleidung, Accessoires und wechselnden Rollen. Das passte in ein Jahrzehnt, in dem Rollenbilder zwar noch stark traditionell waren, aber sichtbar in Bewegung gerieten. Gerade deshalb war Barbie ambivalent: Sie konnte Konsum- und Schönheitsideal sein, aber auch Projektionsfläche für ein erwachseneres, modischeres, beweglicheres Frauenbild im Spiel.

Daneben standen Spiele, die bis heute vertraut sind. Das Ravensburger „memory“ kam 1959 in den Handel und wurde nach Angaben von Ravensburger schnell ein großer Erfolg; weltweit suchen inzwischen mehr als 70 Millionen Menschen passende Bildpaare. (Ravensburger: memory) Solche Spiele zeigen eine andere Seite des Jahrzehnts: Nicht jedes prägende Geschenk war elektrisch oder popkulturell. Gute Gesellschaftsspiele verbanden Generationen — und passten damit ideal in Familien, die zwar moderner wurden, aber weiterhin viel Zeit am Wohnzimmertisch verbrachten.

Autorennbahn, Modellzug, Baukasten: Fortschritt im Spiel

Viele typische Geschenke der 1960er übersetzten Technikbegeisterung in Spiel. Die Carrera-Bahn ist dafür ein Klassiker. Carrera selbst datiert die Einführung der „Carrera Universal“, der ersten elektrisch betriebenen Carrera-Autorennbahn im Maßstab 1:32, auf 1963; 1967 folgte mit „Carrera 124“ ein weiteres System in größerem Maßstab. (Carrera Toys: Die Marke Carrera) Wer eine Autorennbahn verschenkte, schenkte Geschwindigkeit, Wettbewerb und ein Miniaturbild der automobilen Gesellschaft.

Ähnlich wirkte die Modelleisenbahn. Das Wirtschaftswundermuseum dokumentiert für die frühen 1960er unter anderem Quelle-Kataloge mit Eisenbahn-Spielzeug und den Werbesatz, eine Quelle-Eisenbahn bringe nicht nur „für unsere Buben“ Freude, auch die Väter interessierten sich dafür. (Wirtschaftswundermuseum: Eisenbahnen) Diese Formulierung ist heute aufschlussreich: Sie zeigt nicht nur die Attraktivität technischer Spielwaren, sondern auch die Geschlechterordnung der Zeit. Technik, Bahn, Auto und Baukasten wurden häufig als Jungenwelt vermarktet; Puppen, Puppenwagen und Haushaltsminiaturen eher als Mädchenwelt.

Auch LEGO passte in diese Kultur des Bauens und Konstruierens. Der moderne LEGO-Stein mit Röhren-Klemmsystem wurde 1958 zum Patent angemeldet; zudem produzierte LEGO von 1955 bis 1968 Modellfahrzeuge, ab 1958 auch in Hohenwestedt in Schleswig-Holstein. (Wikipedia: Lego) Solche Geschenke trafen den Nerv der Zeit: Kinder sollten nicht nur besitzen, sondern bauen, ordnen, planen, bewegen. Das Geschenk wurde zum kleinen Trainingsfeld der technischen Moderne.

Flower Power und das bunte Ende der Dekade

Gegen Ende der 1960er wurde die Geschenkewelt bunter, weicher, provokanter. Flower Power, Hippie-Kultur und Studentenbewegung erreichten nicht alle Milieus gleichermaßen, aber sie prägten den Stil der Zeit. Die bpb betont ausdrücklich, dass die „freizügigen Sechziger“ nicht alle Schichten und Altersgruppen erreichten. (bpb: Swinging Sixties) Gerade deshalb ist Vorsicht wichtig: Nicht jedes deutsche Wohnzimmer wurde 1968 psychedelisch, nicht jedes Geschenk war politisch. Aber Farben, Poster, neue Mode, längere Haare, Minirock, Beat- und Rockplatten veränderten die Symbolwelt des Schenkens.

Geschenke konnten nun stärker gegen Konventionen stehen. Ein buntes Hemd, Modeschmuck, ein Poster, eine internationale LP oder ein Buch aus der neuen politischen und kulturellen Szene waren nicht einfach Dinge. Sie markierten eine Position im Spannungsfeld von Elternhaus, Konsumgesellschaft und jugendlicher Selbstentfaltung. Die 1960er zeigten damit eine eigentümliche Doppelbewegung: Konsum wurde massenhafter — und zugleich persönlicher. Ausgerechnet industriell gefertigte Produkte halfen vielen Menschen, Individualität auszudrücken.

Was von den 1960ern bleibt

Die 1960er haben das Schenken modernisiert. Viele ihrer Geschenktypen wirken bis heute nach: Mediengeräte als Familienanschaffung, Musik als Identitätsgeschenk, Spielwaren als Spiegel von Technik und Rollenbildern, Mode als Zugehörigkeit, Gesellschaftsspiele als generationenübergreifende Klassiker. Der Unterschied liegt in der Form. Aus dem Fernseher wurde der große Bildschirm, aus der Single die Playlist, aus dem Kofferradio der Bluetooth-Lautsprecher, aus der Carrera-Bahn ein Retro-Geschenk mit Nostalgiewert.

Kulturell bleibt vor allem eine Einsicht: In den 1960ern wurde deutlicher als zuvor, dass Geschenke nicht nur Wünsche erfüllen. Sie erzählen, welche Zukunft eine Gesellschaft für erreichbar hält. In diesem Jahrzehnt war diese Zukunft elektrisch, mobil, bunt, musikalisch — und oft noch voller Widersprüche. Genau deshalb sind die Geschenke der 1960er so spannend: Sie zeigen Wohlstand und Rebellion, Familienglück und Generationenkonflikt, Technikoptimismus und den Wunsch nach Freiheit in ein und demselben Paket.

Quellen

Was meinst du — was hättest du in den 1960ern verschenkt? Eine Schallplatte, ein Lavalampe oder ein Peace-Zeichen?

Frag den Geschenk-Ninja — und finde heraus, was du heute verschenken würdest.


Teil der Reihe Die Geschichte des Schenkens: eine Zeitreise.