Schenken in den 1950ern: Wohlstand als Geschenk

Impressionen aus den 1950ern

Schenken in den 1950ern: Wohlstand zum Auspacken

1958 besaßen erst 19 Prozent der Haushalte in der Bundesrepublik einen Kühlschrank. Gerade deshalb war ein solches Gerät mehr als eine Anschaffung: Es war ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Jahre des Mangels langsam einer neuen Ordnung wichen. Ein Kühlschrank versprach Frische, Vorrat, Hygiene — und vor allem die Möglichkeit, Lebensmittel nicht mehr nur zu beschaffen, sondern planvoll zu genießen. In den 1950er-Jahren veränderte sich das Schenken in Deutschland grundlegend. Geschenke waren nicht länger nur Ersatz für Fehlendes, sondern wurden zu kleinen Beweisen des Aufstiegs: Radios, Küchengeräte, Petticoats, Nierentische, Spielzeug aus Kunststoff, erste Urlaubsreisen. Wer schenkte, schenkte oft ein Stück Zukunft — und manchmal auch die beruhigende Gewissheit, endlich wieder angekommen zu sein. (Haus der Geschichte / LeMO: Plakat Liebherr-Kühlschränke)

Vom Mangel zum Wunschzettel

Die frühen 1950er-Jahre standen noch im Schatten der Nachkriegszeit. Viele Familien hatten Hausrat verloren, Wohnungen waren knapp, Kleidung wurde ausgebessert, Möbel wurden weiterbenutzt, solange sie irgendwie hielten. Doch in der Bundesrepublik setzte bald ein wirtschaftlicher Aufschwung ein, der in der Erinnerung als „Wirtschaftswunder“ weiterlebt. Die Arbeitslosigkeit lag zu Beginn der Dekade noch bei über zwölf Prozent, sank aber im Laufe der 1950er stark; 1957 sprach man bereits von Vollbeschäftigung. Das Bruttoinlandsprodukt stieg laut LeMO von 79 Milliarden DM im Jahr 1949 auf fast 300 Milliarden DM 1960. (Haus der Geschichte / LeMO: Wirtschaftswunder)

Für das Schenken bedeutete das: Der Gabentisch wurde wieder vielfältiger. Zunächst standen praktische Dinge im Vordergrund — warme Kleidung, Wäsche, Schuhe, Geschirr, Bettzeug, Lebensmittel, Kaffee, Schokolade. Solche Geschenke wirkten aus heutiger Sicht schlicht, waren aber in einer Gesellschaft mit frischer Mangelerfahrung hoch geschätzt. Mitte der 1950er-Jahre war der Grundbedarf an Kleidung in der Bundesrepublik weitgehend gedeckt; danach rückten Möbel und Haushaltsgeräte stärker in den Mittelpunkt des Konsums. (Haus der Geschichte / LeMO: Kaufrausch)

Damit verschob sich die Bedeutung des Geschenks. Es ging nicht mehr nur darum, etwas Notwendiges zu überreichen. Ein Geschenk konnte zeigen: Wir haben wieder Spielraum. Wir können auswählen. Wir können uns etwas leisten, das nicht bloß über den nächsten Winter hilft, sondern den Alltag schöner, moderner und bequemer macht.

Die Küche als Versprechen: Kühlschrank, Mixer, Waschmaschine

Kaum ein Raum erzählte die 1950er-Jahre so deutlich wie die Küche. Elektrische Geräte wurden zu Wunschobjekten, auch wenn viele zunächst noch teuer blieben. Kühlschränke, Waschmaschinen, Küchenmaschinen, Mixer, Toaster und elektrische Kaffeemühlen standen für Fortschritt im Haushalt. Liebherr, zuvor vor allem für Baumaschinen bekannt, begann 1954 mit der Herstellung von Kühlschränken; 1958 verfügten 19 Prozent der westdeutschen Haushalte über ein solches Gerät. (Haus der Geschichte / LeMO: Plakat Liebherr-Kühlschränke)

Als Geschenk waren solche Geräte oft Familiengeschenke. Eine Waschmaschine oder ein Kühlschrank wurde nicht leichtfertig gekauft; es waren Anschaffungen, über die gesprochen, gerechnet und gespart wurde. Das machte sie zu typischen Geschenken bei Hochzeiten, runden Geburtstagen oder Einzügen. Eine Küchenmaschine konnte bedeuten: weniger Handarbeit, mehr Zeit, ein moderneres Zuhause. Gleichzeitig zeigt sich hier die Ambivalenz der Epoche. Die Technik versprach Entlastung, bestätigte aber oft das Rollenbild, dass der Haushalt vor allem Frauensache sei. Das Ideal der Frau als Hausfrau und Mutter blieb in Westdeutschland lebendig; weibliche Industriearbeiterinnen verdienten 1950 nur 59 Prozent des Lohns ihrer männlichen Kollegen. (Haus der Geschichte / LeMO: Frauenarbeit)

Gerade deshalb sind Haushaltsgeräte kulturgeschichtlich so aufschlussreich. Sie waren Fortschrittsgeschenke — aber Fortschritt innerhalb einer noch sehr traditionellen Familienordnung. Ein elektrischer Mixer konnte modern wirken und zugleich die Erwartung festigen, dass Kuchen, Sonntagsbraten und gepflegte Küche weiterhin selbstverständlich zum weiblichen Verantwortungsbereich gehörten.

Radio, Musiktruhe und der erste Fernseher

Das Radio war das Leitmedium der 1950er-Jahre. Der Bayerische Rundfunk spricht vom „Radiojahrzehnt“; die Zahl der Rundfunkteilnehmer in Westdeutschland verdoppelte sich bis 1960 auf 15,4 Millionen. (Bayerischer Rundfunk: Die 1950er Jahre – Das Radiojahrzehnt) Radiogeräte wurden bezahlbarer, Kofferradios machten Unterhaltung beweglicher, Musiktruhen verbanden Radio, Plattenspieler und Möbelstück zu einem repräsentativen Zentrum des Wohnzimmers. LeMO beschreibt den Hörfunk in Bundesrepublik und DDR als das Medium der 1950er-Jahre; Musiktruhen und Kofferradios gehörten zu den sichtbaren Empfangsgeräten dieser Zeit. (Haus der Geschichte / LeMO: Hörfunk und Fernsehen)

Ein Radio war ein Geschenk mit sozialer Wirkung. Es brachte Nachrichten, Schlager, Hörspiele, Sportübertragungen und die neue Populärkultur ins Haus. Für Jugendliche wurde besonders das tragbare Radio wichtig, weil Musik damit nicht mehr nur im Wohnzimmer unter elterlicher Kontrolle stattfand. Rock ’n’ Roll, Radio Luxemburg und amerikanisch geprägte Jugendkultur erweiterten den Klangraum der Nachkriegsgeneration.

Der Fernseher blieb in den frühen 1950ern noch ein Luxus. Der NWDR nahm ab 1952 den Fernsehbetrieb auf; Weihnachten 1952 strahlte er zunächst nur wenige Stunden pro Tag aus, kurz darauf ging die „Tagesschau“ erstmals auf Sendung. (Bundeszentrale für politische Bildung: 60 Jahre bundesweites Fernsehen) 1953 kostete ein Fernsehgerät nach Angaben des Fernsehmuseums Hamburg zwischen 1.000 und 4.000 DM — vom einfachen Tischgerät bis zur Luxustruhe mit Radio, Plattenspieler und Hausbar. (Fernsehmuseum Hamburg: Münzfernsehgeräte) Ein Fernseher war daher kein normales Geschenk, sondern ein Ereignis: teuer, prestigeträchtig und meist für die ganze Familie gedacht.

Nierentisch, Tütenlampe und das neue Wohnzimmer

Wenn in den 1950er-Jahren Möbel verschenkt wurden, dann ging es oft um mehr als Einrichtung. Es ging um den sichtbaren Abschied von Provisorien. Eine Wohnung sollte nicht nur funktionieren, sondern modern aussehen. Der Nierentisch wurde zum Symbol dieser Wohnkultur: asymmetrisch, leicht, oft mit Resopal- oder Mosaikoberfläche, mit schräg gestellten Beinen. German History in Documents and Images beschreibt ihn als Symbol der westdeutschen Wohnkultur der 1950er-Jahre; zugleich standen einfache Sessel, schlichte Blumenvasen und kleine Tischlampen für den Abschied vom Stil der Vorkriegszeit. (German History in Documents and Images: Möbeldesign der 50er Jahre – Der Nierentisch)

Typische Geschenke waren daher auch Tischlampen, Vasen, Kaffeeservice, Besteck, Bettwäsche oder Kleinmöbel. Besonders bei Hochzeiten und Einzügen passten solche Gaben zur Idee des geordneten, bürgerlichen Haushalts. Die Wohnung wurde zur Bühne des erreichten Wohlstands. Wer einen Nierentisch, eine neue Stehlampe oder ein modernes Kaffeeservice schenkte, schenkte auch einen Platz in dieser neuen Normalität.

Petticoat, Nylon und die sichtbare Moderne

Modegeschenke erzählten eine andere Seite der 1950er-Jahre: den Wunsch nach Eleganz, Jugend und Leichtigkeit. Nach Jahren der Zweckkleidung gewannen Kleider, Strümpfe, Schuhe und Accessoires wieder symbolische Bedeutung. Nylonstrümpfe beziehungsweise Perlonstrümpfe waren begehrte Zeichen von Modernität. Der Petticoat, getragen unter weiten Röcken, wurde mit Rock ’n’ Roll und jugendlicher Bewegung verbunden; die Jugendkultur der späten 1950er-Jahre orientierte sich stark an den USA. LeMO beschreibt Rock ’n’ Roll als Ausdruck des Protests gegen eine als eng empfundene Gesellschaft und betont, dass die Industrie schnell auf neue Märkte für junge Kunden reagierte. (Haus der Geschichte / LeMO: Halbstarke und Teenager)

Solche Geschenke waren kleiner als ein Kühlschrank, aber nicht weniger aussagekräftig. Ein Petticoat, ein Paar elegante Strümpfe, ein Halstuch, Parfum oder eine Schallplatte zeigten, dass Konsum nicht nur nützlich sein musste. Er durfte Spaß machen, Stil zeigen, Persönlichkeit ausdrücken. Darin kündigte sich eine Veränderung an, die später noch stärker werden sollte: Junge Menschen wurden als eigene Käufergruppe sichtbar.

Spielzeug zwischen Holz, Blech und Kunststoff

Auch im Kinderzimmer veränderte sich das Schenken. Traditionelles Spielzeug blieb wichtig: Puppen, Kaufmannsläden, Holzspielzeug, Blechautos, Modellbahnen. Zugleich rückten Kunststoff und neue Spielprinzipien vor. LEGO gründete 1956 mit der LEGO Spielwaren GmbH in Hohenwestedt seine erste ausländische Vertriebsgesellschaft; die erste Kampagne konzentrierte sich auf Hamburg und lief unter dem Motto „Wir bauen eine Stadt“ sogar im Kino. (LEGO History: Early expansion) Der LEGO-Stein in seiner bis heute grundlegenden Form wurde 1958 eingeführt. (LEGO Group: The LEGO Group history)

1959 kam außerdem Ravensburgers „memory“ erstmals in den Handel. Ravensburger führt das Spiel auf den Schweizer Diplomaten William H. Hurter zurück und beschreibt die Startauflage als besonders schnell verkauft. (Ravensburger: memory) Solche Spiele passten gut in eine Zeit, in der Familie, Wohnzimmer und geordnete Freizeit einen hohen Stellenwert hatten.

Daneben gab es kurzlebige Moden. Der Hula-Hoop-Reifen wurde 1958 international zum Trend; DIE ZEIT berichtete im Dezember 1958 über Produzenten, Händler und den neuen „Wunderreifen“. (DIE ZEIT Archiv: Hoch Hula-Hoop!) Auch die deutsche Bild-Lilli-Puppe gehört in diese Spielzeug- und Popkulturgeschichte: Sie wurde ab 1955 vertrieben und gilt als ein Vorbild für Barbie, die im März 1959 in New York debütierte. (Spielzeugmuseum Nürnberg: Kunststoffpuppe Bild-Lilli) Gerade an solchen Objekten sieht man, wie eng Geschenk, Konsum, Medien und Geschlechterbilder bereits miteinander verbunden waren.

Die Reise als Geschenk: Adria, Käfer, Kamera

Gegen Ende der 1950er-Jahre wurde nicht nur mehr gekauft, sondern auch mehr gereist. Urlaub wurde zum Statussymbol. LeMO hält fest, dass 1960 bereits ein Drittel der westdeutschen Bevölkerung verreiste; Mitte der 1950er-Jahre reisten bereits 4,5 Millionen Deutsche nach Italien. (Haus der Geschichte / LeMO: Tourismus) German History in Documents and Images beschreibt Italien als erstes großes Urlaubsziel westdeutscher Touristen nach 1945; die Fahrt mit dem oft ersten eigenen Auto über die Alpen stand für Exotik und das Gefühl, sich nach Wiederaufbau und Wirtschaftswunder wieder etwas leisten zu können. (German History in Documents and Images: Urlaubsziel Italien – „Man spricht deutsch“)

Damit entstanden neue Geschenkideen: Koffer, Badeanzüge, Sonnenbrillen, Campingausrüstung, Reiseführer, Fotoapparate, Picknickkörbe. Auch das Auto selbst wurde zum großen Wohlstandssymbol. Der VW Käfer erreichte am 5. August 1955 die Marke von einer Million produzierten beziehungsweise verkauften Volkswagen; Autostadt und Volkswagen beschreiben ihn als zentrales Symbol des Wirtschaftswunders. (Autostadt: Millionster Volkswagen) Ein Auto war selten ein Geschenk im üblichen Sinn. Aber es veränderte die Geschenklandschaft: Wer reisen konnte, brauchte Zubehör. Wer die Adria erreichen konnte, brachte Souvenirs mit. Wer fotografierte, machte Erinnerung selbst zu einem Geschenk.

Was von den 1950ern bleibt

Die Geschenke der 1950er-Jahre erzählen von einer Gesellschaft, die Sicherheit suchte und Zukunft kaufte. Ein Kühlschrank war nicht nur Technik, sondern überwundener Mangel. Ein Radio war nicht nur Unterhaltung, sondern Anschluss an die Welt. Ein Nierentisch war nicht nur Möbel, sondern ein Versprechen auf moderne Häuslichkeit. Petticoat, Hula-Hoop und Kofferradio deuteten bereits auf Jugendkultur, Freizeit und Individualität.

Für die DDR muss diese Geschichte anders akzentuiert werden. Dort prägten Versorgungsengpässe, Planwirtschaft und begrenzte Auswahl das Konsumverhalten stärker; die Bedeutung eines Geschenks hing oft weniger am neuesten Trend als an Verfügbarkeit, Beziehungen und Improvisation. LeMO beschreibt die DDR später grundsätzlich als von Versorgungsmängeln geprägt, und die bpb verweist darauf, dass Kleidung und begehrte Waren häufig über Westpakete eine besondere Rolle spielten. (Haus der Geschichte / LeMO: Mangelwirtschaft; Bundeszentrale für politische Bildung: Lebensmittelversorgung | DDR kompakt)

In der Bundesrepublik aber wurden die 1950er zum Jahrzehnt, in dem Geschenke immer deutlicher vom Wiederaufbau in die Konsumgesellschaft führten. Viele Dinge, die damals neu und kostbar waren, wirken heute nostalgisch: Nierentisch, Musiktruhe, Petticoat, Emaille-Toaster, alte LEGO-Steine. Ihr Reiz liegt nicht nur im Retro-Design. Sie erinnern daran, dass Schenken selten nur eine private Geste ist. Es zeigt, was eine Gesellschaft vermisst, worauf sie hofft — und welchen Dingen sie zutraut, das Leben ein wenig besser zu machen.

Quellen

Was meinst du — was hättest du in den 1950ern verschenkt? Einen Nierentisch, eine Reise an die Adria oder einen Petticoat?

Frag den Geschenk-Ninja — und finde heraus, was du heute verschenken würdest.


Teil der Reihe Die Geschichte des Schenkens: eine Zeitreise.