Warum egoistische Geschenke Beziehungen belasten

Manchmal merkt man schon beim Auspacken, dass ein Geschenk eigentlich zwei Empfänger hat. Offiziell ist es für dich. Inoffiziell erzählt es viel über die Person, die es ausgesucht hat. Das kann wunderschön sein: ein Lieblingsbuch, das jemand mit dir teilen möchte; ein Lied, das eine Erinnerung öffnet; ein Rezept aus der eigenen Familie. Es kann aber auch kippen. Dann fühlt sich das Geschenk an wie eine kleine Bühne für den Geschmack, die Werte oder das Image der schenkenden Person. Du bekommst nicht, was zu dir passt, sondern was jemand über sich selbst sagen möchte. Genau diese feine Grenze macht egoistische Geschenke psychologisch spannend. Nicht jedes persönliche Geschenk ist selbstbezogen. Aber wenn der Empfänger zur Nebenfigur wird, kann ein Geschenk Nähe nicht stärken, sondern beschädigen.

Persönlich ist gut – solange die andere Person darin vorkommt

Zunächst ist wichtig: Die Forschung sagt nicht, dass Geschenke immer nur empfängerzentriert sein dürfen. Lara Aknin und Lauren Human zeigten 2015 im Journal of Experimental Social Psychology in „Give a Piece of You“, dass Geschenke, die etwas von der gebenden Person widerspiegeln, Nähe fördern können. In mehreren Studien fanden sie, dass sowohl Gebende als auch Empfangende profitieren können, wenn ein Geschenk die Persönlichkeit, Vorlieben oder Geschichte des Gebenden sichtbar macht. Ein Musikstück, ein Buch oder ein selbst ausgewähltes Objekt kann also gerade deshalb verbinden, weil es einen Teil der schenkenden Person enthält.

Das ist ein schöner Befund, weil er eine häufige Geschenkregel relativiert: „Schenk nur, was die andere Person mag.“ Ganz so einfach ist es nicht. Beziehungen entstehen auch dadurch, dass Menschen einander etwas von sich zeigen. Ein Geschenk kann sagen: „Ich möchte dich in meine Welt einladen.“

Die Grenze liegt dort, wo Einladung zu Überwältigung wird. Wenn das Geschenk nur noch die Welt des Gebenden zeigt und die empfangende Person darin keinen Platz hat, wird es selbstbezogen. Persönlich ist verbindend, wenn es geteilt werden kann. Egoistisch wird es, wenn es vor allem bewundert werden soll.

Wenn das Geschenk den eigenen Geschmack beweisen soll

Julian Givi und Jeff Galak beschrieben 2020 im Journal of the Association for Consumer Research ein verwandtes Muster unter dem Titel „Selfish Prosocial Behavior: Gift-Giving to Feel Unique“. In dieser Arbeit geht es darum, dass Schenkende sich manchmal von Motiven leiten lassen, die zwar proszial aussehen, aber stark auf das eigene Selbstbild zielen: Man möchte ein Geschenk geben, das die eigene Einzigartigkeit zeigt. Die bibliografischen Angaben sind verifiziert; die genaue Fallzahl der einzelnen Studien war in den geprüften Kurzquellen nicht sicher sichtbar.

Das kennt man aus dem Alltag. Jemand schenkt immer extrem ausgefallene Dinge, weil er als originell gelten will. Jemand wählt ein Geschenk, das moralisch, kulturell oder ästhetisch die eigene Haltung demonstriert, obwohl es für die andere Person unpraktisch ist. Jemand schenkt Tickets für eine Veranstaltung, die eigentlich er selbst besuchen möchte. Das Geschenk wird dann zur Visitenkarte.

Solche Geschenke können kränken, ohne dass jemand böse Absicht hatte. Denn sie senden unterschwellig: Ich habe mehr darüber nachgedacht, wie ich als Schenkender erscheine, als darüber, was dir Freude macht. Gerade in engen Beziehungen kann das schmerzen. Man fühlt sich nicht gesehen, sondern benutzt als Publikum.

Der kurze Glanzmoment verführt Gebende

Ein Grund für egoistische Geschenkentscheidungen liegt im Moment des Überreichens. Alice Yang und Oleg Urminsky untersuchten 2018 in Psychological Science die sogenannte „Smile-Seeking Hypothesis“. In „How Immediate Affective Reactions Motivate and Reward Gift Giving“ zeigten sie über mehrere Studien, dass Schenkende häufig Geschenke bevorzugen, von denen sie eine starke unmittelbare Reaktion erwarten, auch wenn diese Geschenke nicht unbedingt die langfristige Zufriedenheit der Empfangenden maximieren. Der Effekt wurde schwächer, wenn die schenkende Person die Reaktion nicht beobachten konnte.

Das ist ein sehr menschlicher Befund. Wer schenkt, möchte ein Lächeln sehen. Man möchte spüren: Es hat funktioniert. Aber genau dieser Wunsch kann den Blick verengen. Das Geschenk wird auf den Augenblick des Applauses optimiert. Ob es später passt, nützlich ist oder wirklich zum Leben der anderen Person gehört, rückt nach hinten.

Egoistische Geschenke entstehen nicht nur aus Eitelkeit. Sie entstehen oft aus der Sehnsucht nach sichtbarer Bestätigung. Doch ein Geschenk ist kein Theaterstück mit Schlussapplaus. Es hat ein Nachleben. Wenn dieses Nachleben für die empfangende Person mühsam ist, hilft der schönste Auspackmoment wenig.

Selbstbezogene Motive machen Großzügigkeit kleiner

Patrick Caprariello und Harry Reis untersuchten 2021 in Motivation and Emotion, wie unterschiedliche Motive beim Geldausgeben für andere mit Wohlbefinden zusammenhängen. In „This one’s on me!“ unterscheiden sie zwischen empfängerzentrierten Motiven und selbstzentrierten oder verpflichtungsgetriebenen Motiven. Ihre Befunde zeigen: Prosocial spending, also Geld für andere auszugeben, hängt weniger positiv mit Wohlbefinden zusammen, wenn es aus selbstzentrierten Gründen geschieht; stärker positiv wirkt es, wenn die Motive auf die Freude oder das Wohl der empfangenden Person gerichtet sind.

Auch wenn diese Studie nicht nur klassische Geschenke untersucht, ist sie für das Schenken sehr passend. Sie erinnert daran, dass die innere Ausrichtung einer Gabe zählt. Man kann äußerlich großzügig sein und innerlich vor allem das eigene Image füttern. Man kann aber auch etwas Kleines geben und damit sehr klar die andere Person meinen.

Für Empfänger ist diese Ausrichtung oft spürbar. Nicht immer bewusst, nicht immer fair, aber häufig. Ein Geschenk fühlt sich anders an, wenn es sagt: „Ich will, dass du dich freust“, als wenn es sagt: „Ich will als großzügig, originell oder überlegen wahrgenommen werden.“ Der materielle Gegenstand kann derselbe sein. Die Beziehungsaussage ist eine andere.

Der Empfänger darf nicht zum Projekt werden

Egoistische Geschenke haben noch eine zweite Form: Sie versuchen, die beschenkte Person zu verbessern. Ein Fitness-Gadget für jemanden, der nie darum gebeten hat. Ein Stilratgeber mit unausgesprochener Kritik. Ein Haushaltsgerät, das eher Erwartungen an die Rolle der Person ausdrückt als Wertschätzung. Solche Geschenke können besonders verletzend sein, weil sie nicht nur Geschmack verfehlen, sondern eine Botschaft enthalten: So, wie du bist, bist du nicht ganz richtig.

Die Geschenkforschung zu Geber-Empfänger-Fehlern, etwa der Überblick von Galak, Givi und Williams aus dem Jahr 2016, hilft auch hier. Schenkende überschätzen häufig die Bedeutung ihrer guten Absicht und unterschätzen, wie das Geschenk im Alltag und in der Selbstwahrnehmung der empfangenden Person ankommt. Ein „gut gemeinter“ Hinweis bleibt eben trotzdem ein Hinweis.

Das heißt nicht, dass man keine hilfreichen Geschenke machen darf. Wenn jemand selbst den Wunsch äußert, ein neues Hobby zu beginnen, kann ein Startset liebevoll sein. Wenn jemand über Stress klagt, kann ein entlastendes Geschenk genau passen. Entscheidend ist, ob das Geschenk an einen echten Wunsch anknüpft oder eine Diagnose von außen stellt.

Ein gutes Geschenk hält zwei Perspektiven aus

Wie findet man die Balance zwischen persönlich und empfängerzentriert? Eine hilfreiche Formel lautet: Ein gutes Geschenk darf etwas von mir zeigen, aber es muss bei dir landen. Es darf meine Geschichte enthalten, aber es sollte deine Freude ernst nehmen. Es darf überraschen, aber nicht übergehen.

Praktisch kann man sich drei Fragen stellen. Erstens: Würde die andere Person dieses Geschenk auch mögen, wenn sie nicht wüsste, dass es von mir kommt? Zweitens: Wird sie sich dadurch gesehen fühlen oder eher bewertet? Drittens: Ist mein Hauptmotiv ihre Freude oder mein Wunsch, eine bestimmte Wirkung zu erzielen?

Diese Fragen nehmen dem Schenken nicht die Seele. Im Gegenteil. Sie schützen das Persönliche vor dem Egoistischen. Ein Lieblingsbuch ist ein gutes Geschenk, wenn es eine Brücke baut: „Ich glaube, diese Geschichte könnte dich berühren.“ Es ist ein schlechtes Geschenk, wenn es eigentlich sagt: „Du solltest endlich meinen Geschmack verstehen.“ Ein gemeinsamer Abend ist schön, wenn er zu beiden passt. Er ist schwierig, wenn er nur der Wunsch des Gebenden ist und die andere Person höflich mitspielen soll.

Nähe entsteht, wenn sich beide erkennen können

Die beste Lehre aus der Forschung ist nicht, dass Geschenke vollkommen selbstlos sein müssen. Vollkommene Selbstlosigkeit gibt es im Schenken kaum. Wir schenken auch, weil wir Nähe wollen, Freude sehen möchten, uns als aufmerksame Menschen erleben. Das ist nicht schlimm. Problematisch wird es, wenn diese Motive die andere Person überdecken.

Ein gelungenes Geschenk ist deshalb oft ein kleiner Dialog. Es sagt etwas über den Gebenden und etwas über den Empfangenden. Es zeigt: Ich bin da, mit meinem Blick, meinem Geschmack, meiner Erinnerung. Und zugleich: Ich habe dich nicht aus den Augen verloren.

Vielleicht ist das der Unterschied zwischen einem persönlichen und einem egoistischen Geschenk. Das persönliche Geschenk öffnet eine Verbindung. Das egoistische Geschenk schließt sie um die Selbstdarstellung des Gebenden. Wer diese Grenze spürt, schenkt nicht weniger originell. Er schenkt genauer. Und Genauigkeit ist im Schenken oft die zärtlichere Form von Kreativität.

Quellen

  • Aknin, L. B., & Human, L. J. (2015). Give a Piece of You: Gifts That Reflect Givers Promote Closeness. Journal of Experimental Social Psychology, 60, 8–16. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2015.04.006
  • Givi, J., & Galak, J. (2020). Selfish Prosocial Behavior: Gift-Giving to Feel Unique. Journal of the Association for Consumer Research, 5(1), 34–43. https://doi.org/10.1086/706507
  • Yang, A. X., & Urminsky, O. (2018). The Smile-Seeking Hypothesis: How Immediate Affective Reactions Motivate and Reward Gift Giving. Psychological Science, 29(8), 1221–1233. https://doi.org/10.1177/0956797618761373
  • Caprariello, P. A., & Reis, H. T. (2021). “This One’s on Me!”: Differential Well-Being Effects of Self-Centered and Recipient-Centered Motives for Spending Money on Others. Motivation and Emotion, 45, 705–727. https://doi.org/10.1007/s11031-021-09907-0
  • Galak, J., Givi, J., & Williams, E. F. (2016). Why Certain Gifts Are Great to Give but Not to Get: A Framework for Understanding Errors in Gift Giving. Current Directions in Psychological Science, 25(6), 380–385. https://doi.org/10.1177/0963721416656937

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Teil der Reihe Psychologie des Schenkens.